05088 Chancen und Risiken flexibler Arbeitszeitgestaltung
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Angesichts des Fachkräftemangels in der Pflege legt der Beitrag seinen Fokus auf eine gesundheitsorientierte Arbeitszeitgestaltung, die die psychische Erholung während und nach der Arbeit fördern soll. Zentral dabei ist das Spannungsfeld zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit, das durch Arbeitszeitsouveränität gelöst werden kann. Basierend auf dem DRAMMA-Modell werden Detachment (Abschalten) und Autonomy (Selbstbestimmung) als Kernfaktoren für die psychische Erholung betont. Zur praktischen Umsetzung wird die Methode der „betrieblichen Experimentierräume” vorgestellt – ein partizipativer, dreiphasiger Prozess aus Orientierung, Lernen und Transfer. Eine Regelungsmatrix unterstützt zudem dabei, Vereinbarungen auf Individual-, Team- oder Organisationsebene zu systematisieren. von: |
1 Arbeitszeiten in den Handlungsfeldern der beruflichen Pflege
Im Bereich der beruflichen Pflege führt der Fachpersonenmangel dazu, dass der Wettbewerb zunimmt und Pflegeeinrichtungen nach Optionen suchen, damit Teilzeitbeschäftigte ihre Arbeitszeit ausweiten oder neue/alte Fachpersonen durch attraktive Arbeitszeitmodelle gewonnen werden können.
Die Gestaltung von Arbeitszeiten ist eine Möglichkeit, um die psychische Erholung während und außerhalb der Arbeitszeit positiv zu beeinflussen. [1] Dies ist wichtig, um die Gesundheit von Beschäftigten in der Pflege zu erhalten und ihre Zufriedenheit zu fördern.
Flexibilität verbessert Zufriedenheit
Die Herausforderungen im Rahmen der Corona-Pandemie haben gezeigt, dass vor allem das Thema der flexiblen Gestaltung von Arbeitszeiten wieder stärker im Mittelpunkt der Debatte zur Mitarbeitendenzufriedenheit steht. [1] Dabei stellt sich für die berufliche Pflege stets die Herausforderung, dass neben der Mitarbeitendenzufriedenheit vor allem die Sicherung der Versorgungsaufträge und die Wirtschaftlichkeit der sozialen Dienstleistung gewährleistet werden müssen.
Die Herausforderungen im Rahmen der Corona-Pandemie haben gezeigt, dass vor allem das Thema der flexiblen Gestaltung von Arbeitszeiten wieder stärker im Mittelpunkt der Debatte zur Mitarbeitendenzufriedenheit steht. [1] Dabei stellt sich für die berufliche Pflege stets die Herausforderung, dass neben der Mitarbeitendenzufriedenheit vor allem die Sicherung der Versorgungsaufträge und die Wirtschaftlichkeit der sozialen Dienstleistung gewährleistet werden müssen.
Pflegearbeit besonders beanspruchend
Mitarbeitende in der beruflichen Pflege arbeiten häufig im Schichtdienst, insbesondere in stationären Einrichtungen, in denen eine Versorgung rund um die Uhr (24/7) sichergestellt werden muss. Weiterhin sind Bereitschafts- und Rufdienste im Pflegeberuf deutlich verbreiteter als in anderen Berufen, was neben anderen physischen und psychischen Belastungen zu einer insgesamt stärkeren Beanspruchung durch atypische Arbeitszeiten führen kann. Diese vielfältigen Anforderungen im Bereich der Arbeitszeit führen unter anderem dazu, dass berufliche Pflegearbeit grundsätzlich zu den besonders beanspruchenden Tätigkeiten gezählt werden kann. Es ist daher nicht verwunderlich, dass eine Auswertung von Versicherten der Techniker Krankenkasse zeigt, dass Pflegefach- und Pflegeassistenzpersonen überdurchschnittlich viele Krankheitstage im Vergleich zu anderen Berufstätigen aufweisen. [2] Neben Kosten für das Gesundheitssystem führen die hohen Krankenstände dazu, dass sich der vielfach thematisierte Fachpersonenmangel noch verschärft. Die häufigsten Ursachen für die Krankschreibungen werden im Bereich der psychischen Erkrankungen verortet. [2]
Mitarbeitende in der beruflichen Pflege arbeiten häufig im Schichtdienst, insbesondere in stationären Einrichtungen, in denen eine Versorgung rund um die Uhr (24/7) sichergestellt werden muss. Weiterhin sind Bereitschafts- und Rufdienste im Pflegeberuf deutlich verbreiteter als in anderen Berufen, was neben anderen physischen und psychischen Belastungen zu einer insgesamt stärkeren Beanspruchung durch atypische Arbeitszeiten führen kann. Diese vielfältigen Anforderungen im Bereich der Arbeitszeit führen unter anderem dazu, dass berufliche Pflegearbeit grundsätzlich zu den besonders beanspruchenden Tätigkeiten gezählt werden kann. Es ist daher nicht verwunderlich, dass eine Auswertung von Versicherten der Techniker Krankenkasse zeigt, dass Pflegefach- und Pflegeassistenzpersonen überdurchschnittlich viele Krankheitstage im Vergleich zu anderen Berufstätigen aufweisen. [2] Neben Kosten für das Gesundheitssystem führen die hohen Krankenstände dazu, dass sich der vielfach thematisierte Fachpersonenmangel noch verschärft. Die häufigsten Ursachen für die Krankschreibungen werden im Bereich der psychischen Erkrankungen verortet. [2]
Vor- und Nachteile der Entgrenzung
Studienergebnisse zeigen, dass sich Mitarbeitende in den Handlungsfeldern der beruflichen Pflege nicht nur flexible, sondern auch zuverlässige Arbeitszeiten wünschen [3] [4]. Weiterhin zeigen arbeitswissenschaftliche Studien, dass Flexibilität allein nicht die Lösung ist, sondern sich durch flexible Arbeitszeiten neue Belastungs- und Beanspruchungsformen ergeben können. [5] Eine besonders häufig auftretende neue Belastungs- und Beanspruchungsform im Rahmen der Flexibilisierung von Arbeit ist die Entgrenzung und die damit verbundene Herausforderung, nach der Arbeit(-szeit) abzuschalten.
Studienergebnisse zeigen, dass sich Mitarbeitende in den Handlungsfeldern der beruflichen Pflege nicht nur flexible, sondern auch zuverlässige Arbeitszeiten wünschen [3] [4]. Weiterhin zeigen arbeitswissenschaftliche Studien, dass Flexibilität allein nicht die Lösung ist, sondern sich durch flexible Arbeitszeiten neue Belastungs- und Beanspruchungsformen ergeben können. [5] Eine besonders häufig auftretende neue Belastungs- und Beanspruchungsform im Rahmen der Flexibilisierung von Arbeit ist die Entgrenzung und die damit verbundene Herausforderung, nach der Arbeit(-szeit) abzuschalten.
Daher liegt in diesem Beitrag der Schwerpunkt auf dem Thema einer gesundheitsorientierten Arbeitszeitgestaltung von beruflich Pflegenden und insbesondere das Thema der Erholung in und nach der Arbeit, um Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen diesbezüglich Denk- und Handlungsimpulse zu geben. Der Beitrag stellt zunächst ausgewählte Wirkungen einer flexiblen Arbeitszeitgestaltung vor und erläutert im dritten Abschnitt die Rolle von Flexibilität, Zuverlässigkeit sowie Souveränität und Autonomie. Anschließend widmet sich der vierte Abschnitt möglichen betrieblichen Gestaltungsfeldern und geht dabei auf betriebliche Experimentierräume und eine Regelungsmatrix ein. Der Beitrag endet mit einem Fazit und einem Ausblick.
2 Auswirkungen einer flexiblen Arbeitszeitgestaltung auf die Mitarbeitendengesundheit
Chancen und Risiken für die Erholung
Wie bereits einleitend skizziert, gehen mit der Flexibilisierung von Arbeitszeitregelungen sowohl Chancen als auch Risiken für Beschäftigte einher – insbesondere in Bezug auf ihre Regenerationsfähigkeit und die Wahrnehmung von Selbstbestimmung innerhalb der Freizeit. Gesundheitliche Auswirkungen der Arbeitszeitflexibilität zeigen sich in unterschiedlichen Szenarien, die nachfolgend skizziert und in Verbindung zum DRAMMA-Modell (DRAMMA = Detachment, Relaxation, Affiliation, Mastery, Meaningfulness und Autonomy) analysiert werden. Darauf aufbauend richtet sich der Fokus von der individuellen auf die betriebliche Ebene, da dort zentrale Ansatzpunkte für eine gesundheitsförderliche Gestaltung von Arbeitszeitflexibilität liegen.
Wie bereits einleitend skizziert, gehen mit der Flexibilisierung von Arbeitszeitregelungen sowohl Chancen als auch Risiken für Beschäftigte einher – insbesondere in Bezug auf ihre Regenerationsfähigkeit und die Wahrnehmung von Selbstbestimmung innerhalb der Freizeit. Gesundheitliche Auswirkungen der Arbeitszeitflexibilität zeigen sich in unterschiedlichen Szenarien, die nachfolgend skizziert und in Verbindung zum DRAMMA-Modell (DRAMMA = Detachment, Relaxation, Affiliation, Mastery, Meaningfulness und Autonomy) analysiert werden. Darauf aufbauend richtet sich der Fokus von der individuellen auf die betriebliche Ebene, da dort zentrale Ansatzpunkte für eine gesundheitsförderliche Gestaltung von Arbeitszeitflexibilität liegen.
2.1 Ausprägungen von flexibler Arbeitszeitgestaltung
Dimensionen gesundheitlicher Auswirkungen
Konkret äußern sich gesundheitliche Ausprägungen von flexibler Arbeitszeitgestaltung in verschiedenen Dimensionen. Beispiele sind veränderte Ruhe- und Pausenzeiten aufgrund von Mehrarbeit, eine Kontaktaufnahme während der Freizeit sowie fehlende Möglichkeiten, innerhalb arbeitsfreier Zeitfenster tatsächlich von der Arbeit abzuschalten.
Konkret äußern sich gesundheitliche Ausprägungen von flexibler Arbeitszeitgestaltung in verschiedenen Dimensionen. Beispiele sind veränderte Ruhe- und Pausenzeiten aufgrund von Mehrarbeit, eine Kontaktaufnahme während der Freizeit sowie fehlende Möglichkeiten, innerhalb arbeitsfreier Zeitfenster tatsächlich von der Arbeit abzuschalten.
Verkürzte Ruhezeiten
Die gesundheitlichen Auswirkungen verkürzter Ruhezeiten werden branchenübergreifend anhand der BAuA-Arbeitszeitbefragung (n = 6136) dargestellt. [6] Es zeigt sich, dass der Anteil der Beschäftigten mit häufigen Beschwerden zunimmt, sobald verkürzte Ruhezeiten mindestens einmal im Monat auftreten. So leiden 45 % der Personen, die mindestens einmal monatlich verkürzte Ruhezeiten haben, häufig unter Schlafstörungen. In der Vergleichsgruppe, in der dies seltener als einmal im Monat vorkommt, sind es hingegen nur 31 %. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Symptomen „Müdigkeit und Erschöpfung”: 59 % der Beschäftigten mit häufig verkürzten Ruhezeiten berichten über entsprechende Beschwerden, gegenüber 49 % in der Gruppe mit selteneren Ruhezeitverkürzungen. Diese Auswirkung wurde ebenfalls in einer systematischen Überblicksarbeit bestätigt, die herausarbeitet, dass kurzfristige Ruhezeiten (quick returns) mit akuten gesundheitlichen Problemen (u. a. Schlafprobleme, Tagesmüdigkeit) in Verbindung gebracht werden können. [7]
Die gesundheitlichen Auswirkungen verkürzter Ruhezeiten werden branchenübergreifend anhand der BAuA-Arbeitszeitbefragung (n = 6136) dargestellt. [6] Es zeigt sich, dass der Anteil der Beschäftigten mit häufigen Beschwerden zunimmt, sobald verkürzte Ruhezeiten mindestens einmal im Monat auftreten. So leiden 45 % der Personen, die mindestens einmal monatlich verkürzte Ruhezeiten haben, häufig unter Schlafstörungen. In der Vergleichsgruppe, in der dies seltener als einmal im Monat vorkommt, sind es hingegen nur 31 %. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Symptomen „Müdigkeit und Erschöpfung”: 59 % der Beschäftigten mit häufig verkürzten Ruhezeiten berichten über entsprechende Beschwerden, gegenüber 49 % in der Gruppe mit selteneren Ruhezeitverkürzungen. Diese Auswirkung wurde ebenfalls in einer systematischen Überblicksarbeit bestätigt, die herausarbeitet, dass kurzfristige Ruhezeiten (quick returns) mit akuten gesundheitlichen Problemen (u. a. Schlafprobleme, Tagesmüdigkeit) in Verbindung gebracht werden können. [7]
