05265 „It's better to burn out than to fade away”Burnout in Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit weitergedacht
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„It's better to burn out than to fade away” – „besser ausbrennen als langsam verblassen”. Der Satz stammt aus dem Song „Hey Hey, My My (Into the Black)” von Neil Young, veröffentlicht 1979. Später wurde er auch durch den Nirvana-Sänger Kurt Cobain und seinen Abschiedsbrief, den er bei seinem Selbstmord hinterließ, weltbekannt. Vielfach wurde die Sentenz missverstanden – als Ausdruck einer fatalistischen Haltung gegenüber Überforderung und Erschöpfung. Ursprünglich verweist die Zeile im popkulturellen Bereich jedoch auf eine existenzielle Spannung zwischen intensiver Selbstverwirklichung, hoher Leistung und schleichender Bedeutungslosigkeit.
Die Metapher des „Ausbrennens” ist eng mit kulturellen Vorstellungen von Arbeit, Engagement und persönlicher Leistungsbereitschaft verknüpft. Spätestens seit der Corona-Pandemie ist das Phänomen des Burnouts wieder ins Bewusstsein der Menschen gerückt. In einer Gesellschaft, die Produktivität und Erfolg stark bewertet, symbolisiert Burnout die Grenzen, die selbst hochmotivierte Menschen erreichen können. Die Diskussionen um Burnout reichen weit über Popkultur hinaus und betreffen Arbeitswissenschaft, Organisationspsychologie, Medizin und gesellschaftliche Gesundheitspolitik. von: |
1.1 Historische Einordnung
Erstmals 1974 erwähnt
Der Begriff „Burnout” wurde erstmals 1974 von Herbert Freudenberger geprägt, einem Psychologen, der die zunehmende Erschöpfung von Mitarbeitenden in psychosozialen Berufen beschrieb [1]. Freudenberger beobachtete ein wiederkehrendes Muster von emotionaler Erschöpfung, verminderter Leistungsfähigkeit und Rückzug bei Menschen, die sich übermäßig engagierten.
Der Begriff „Burnout” wurde erstmals 1974 von Herbert Freudenberger geprägt, einem Psychologen, der die zunehmende Erschöpfung von Mitarbeitenden in psychosozialen Berufen beschrieb [1]. Freudenberger beobachtete ein wiederkehrendes Muster von emotionaler Erschöpfung, verminderter Leistungsfähigkeit und Rückzug bei Menschen, die sich übermäßig engagierten.
Maslach Burnout Inventory – MBI
Parallel entwickelte Christina Maslach die Forschung weiter und erarbeitete das Maslach Burnout Inventory (MBI). Es kategorisiert Burnout in drei Dimensionen:
Parallel entwickelte Christina Maslach die Forschung weiter und erarbeitete das Maslach Burnout Inventory (MBI). Es kategorisiert Burnout in drei Dimensionen:
| 1. | Emotionale Erschöpfung: das subjektive Gefühl der Energieminderung und körperlichen Erschöpfung |
| 2. | Depersonalisation: Distanzierung, Zynismus oder negative Einstellungen gegenüber Klienten, Kollegen oder Aufgaben |
| 3. | Reduzierte Leistungsfähigkeit: das Gefühl, den Anforderungen nicht mehr gerecht zu werden, ineffizient zu sein [2] |
1.2 Burnout in Deutschland
Die Lage in Deutschland
In Deutschland zeigen Daten der BAuA (2023), dass etwa 26 % der Beschäftigten mindestens einmal pro Woche unter starkem Stress leiden und etwa 15 % dauerhaft Anzeichen von Erschöpfung aufweisen [3]. Besonders betroffen sind Gesundheits- und Sozialberufe, gefolgt vom Bildungssektor und der IT-Branche, die durch starke Arbeitsverdichtung und Zeitdruck geprägt sind.
In Deutschland zeigen Daten der BAuA (2023), dass etwa 26 % der Beschäftigten mindestens einmal pro Woche unter starkem Stress leiden und etwa 15 % dauerhaft Anzeichen von Erschöpfung aufweisen [3]. Besonders betroffen sind Gesundheits- und Sozialberufe, gefolgt vom Bildungssektor und der IT-Branche, die durch starke Arbeitsverdichtung und Zeitdruck geprägt sind.
Die DGUV [4] berichtet, dass psychische Belastungen mittlerweile die zweithäufigste Ursache für Arbeitsausfälle sind, direkt nach Muskel-Skelett-Erkrankungen. Diese Entwicklung zeigt, dass Burnout nicht nur individuelle Konsequenzen hat, sondern auch wirtschaftliche Relevanz, z. B. wegen Arbeitsausfällen, reduzierter Produktivität und stärkerer Fluktuation.
...und in Europa
Auf europäischer Ebene verdeutlichen Daten von Eurofound [5], dass rund 22 % der Erwerbstätigen in der EU häufig Stress am Arbeitsplatz erleben, und dass Belastungsspitzen in Ländern wie Griechenland, Spanien und Frankreich auftreten. Vergleichsstudien zeigen zudem, dass flexible Arbeitszeitmodelle und betriebliches Gesundheitsmanagement das Risiko psychischer Erschöpfung signifikant reduzieren können.
Auf europäischer Ebene verdeutlichen Daten von Eurofound [5], dass rund 22 % der Erwerbstätigen in der EU häufig Stress am Arbeitsplatz erleben, und dass Belastungsspitzen in Ländern wie Griechenland, Spanien und Frankreich auftreten. Vergleichsstudien zeigen zudem, dass flexible Arbeitszeitmodelle und betriebliches Gesundheitsmanagement das Risiko psychischer Erschöpfung signifikant reduzieren können.
1.3 Burnout im ICD-11 der WHO
...und in der WHO
Die WHO führte 2019 Burnout in die ICD-11 ein, allerdings nicht als eigenständige Krankheit, sondern als „Syndrom, das aus chronischem Stress am Arbeitsplatz resultiert, der nicht erfolgreich verarbeitet wurde”. Damit wird Burnout als arbeitsbezogener Zustand verstanden, der temporär und reversibel ist. Diese Definition ist entscheidend, um eine Pathologisierung zu vermeiden und gleichzeitig die Notwendigkeit präventiver Maßnahmen anzuerkennen.
Die WHO führte 2019 Burnout in die ICD-11 ein, allerdings nicht als eigenständige Krankheit, sondern als „Syndrom, das aus chronischem Stress am Arbeitsplatz resultiert, der nicht erfolgreich verarbeitet wurde”. Damit wird Burnout als arbeitsbezogener Zustand verstanden, der temporär und reversibel ist. Diese Definition ist entscheidend, um eine Pathologisierung zu vermeiden und gleichzeitig die Notwendigkeit präventiver Maßnahmen anzuerkennen.
1.4 Gesellschaftliche Perspektiven
Steigende Anforderungen
Burnout kann als Spiegel der modernen Arbeitsgesellschaft interpretiert werden. In Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern, nehmen Anforderungen, Arbeitsverdichtung und Digitalisierung stetig zu. Laut OECD [6] arbeiten rund 30 % der europäischen Erwerbstätigen länger als 48 Stunden pro Woche, häufig zusätzlich im Homeoffice, was die Trennung von Arbeit und Freizeit zunehmend erschwert. In Nordeuropa (z. B. Schweden, Dänemark, Finnland) zeigen Daten hingegen niedrigere Prävalenzraten, was auf strengere gesetzliche Regelungen zu Arbeitszeiten, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie ausgeprägte betriebliche Gesundheitsprogramme zurückgeführt wird [7].
Burnout kann als Spiegel der modernen Arbeitsgesellschaft interpretiert werden. In Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern, nehmen Anforderungen, Arbeitsverdichtung und Digitalisierung stetig zu. Laut OECD [6] arbeiten rund 30 % der europäischen Erwerbstätigen länger als 48 Stunden pro Woche, häufig zusätzlich im Homeoffice, was die Trennung von Arbeit und Freizeit zunehmend erschwert. In Nordeuropa (z. B. Schweden, Dänemark, Finnland) zeigen Daten hingegen niedrigere Prävalenzraten, was auf strengere gesetzliche Regelungen zu Arbeitszeiten, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie ausgeprägte betriebliche Gesundheitsprogramme zurückgeführt wird [7].
„Müdigkeitsgesellschaft”
Darüber hinaus betonen Soziologen wie Byung-Chul Han die „Müdigkeitsgesellschaft” als kulturelles Phänomen: Menschen gelten zunehmend als überlastet, überfordert und emotional erschöpft, nicht weil sie unfähig sind, sondern weil gesellschaftliche Erwartungen und Eigenansprüche kontinuierlich zunehmen. Burnout wird damit zu einem Indikator für strukturelle Belastungen, nicht zu einem individuellen Versagen.
Darüber hinaus betonen Soziologen wie Byung-Chul Han die „Müdigkeitsgesellschaft” als kulturelles Phänomen: Menschen gelten zunehmend als überlastet, überfordert und emotional erschöpft, nicht weil sie unfähig sind, sondern weil gesellschaftliche Erwartungen und Eigenansprüche kontinuierlich zunehmen. Burnout wird damit zu einem Indikator für strukturelle Belastungen, nicht zu einem individuellen Versagen.
Burnout ist alltäglicher Begriff
Burnout hat über den wissenschaftlichen Kontext hinaus Eingang in Alltagssprache, Medien und Popkultur gefunden. Begriffe wie „ausgebrannt” oder „Erschöpfungssyndrom” sind inzwischen fest im Sprachgebrauch verankert. Soziale Medien verstärken die Wahrnehmung von Hochleistung und Selbstoptimierung, wodurch gesellschaftlicher Druck und eigene Erwartungen an Leistungsfähigkeit wachsen.
Burnout hat über den wissenschaftlichen Kontext hinaus Eingang in Alltagssprache, Medien und Popkultur gefunden. Begriffe wie „ausgebrannt” oder „Erschöpfungssyndrom” sind inzwischen fest im Sprachgebrauch verankert. Soziale Medien verstärken die Wahrnehmung von Hochleistung und Selbstoptimierung, wodurch gesellschaftlicher Druck und eigene Erwartungen an Leistungsfähigkeit wachsen.
Die bisherige Einführung zeigt, dass Burnout keine neue Erscheinung, aber ein modernes Phänomen mit großer Relevanz ist. Es entsteht an der Schnittstelle von individuellen Erwartungen, organisationalen Strukturen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Burnout ist ein Zustand, kein Krankheitsbild. Es signalisiert chronische Belastung und Dysbalance, die durch präventive Maßnahmen auf allen Ebenen (Individuum, Organisation, Gesellschaft) adressiert werden kann.
1.5 Theoretische Modelle
Theoretische Modelle
Burnout wird in der Arbeits- und Organisationspsychologie häufig mithilfe von Modellen erklärt. Nachfolgend sind drei Modelle kurz beschrieben:
Burnout wird in der Arbeits- und Organisationspsychologie häufig mithilfe von Modellen erklärt. Nachfolgend sind drei Modelle kurz beschrieben:
| 1. | Job-Demands-Resources-Modell (JD-R): Dieses Modell beschreibt, dass Burnout entsteht, wenn Anforderungen (Job Demands) dauerhaft die verfügbaren persönlichen Ressourcen eines Menschen (Job Resources) übersteigen [8]. Ressourcen können beispielsweise die eigene Autonomie, soziale Unterstützung, Weiterbildungsmöglichkeiten oder eine individuell gegebene Sinnhaftigkeit der Arbeit sein. Fehlen diese Ressourcen, nimmt das Risiko für chronische Erschöpfung zu. |
| 2. | Effort-Reward Imbalance (ERI): Sie postuliert, dass ein Ungleichgewicht zwischen erbrachter Leistung und erhaltener Anerkennung (Gehalt, Lob, berufliche Entwicklung) zu Stress und langfristig zu Burnout führt [9]. |
| 3. | Conservation of Resources Theory (COR): Dieser Ansatz geht davon aus, dass Menschen danach streben, Ressourcen wie Energie, Zeit, Gesundheit zu schützen. Burnout entsteht, wenn Ressourcen dauerhaft bedroht sind oder verloren gehen [10]. |
Diese Modelle helfen dabei, nicht nur Burnout wissenschaftlich zu fassen, sondern auch präventive Maßnahmen am Arbeitsplatz zu planen, da sie die Ursachen von Burnout eben nicht nur im Menschen selbst, sondern auch und gerade in Arbeitsstrukturen und Ressourcenmanagement sehen.
Multidimensionales Phänomen
Burnout ist ein also multidimensionales Phänomen, das wissenschaftlich fundiert, empirisch belegt und gesellschaftlich relevant ist. Es lässt sich weder ausschließlich pathologisieren noch als individuelles Versagen abtun. Vielmehr ist es ein Indikator für strukturelle und individuelle Belastungen, der sowohl präventiv als auch rehabilitativ adressiert werden muss. Darauf aufbauend sollen nachfolgend psychophysiologische Mechanismen sowie Aspekte der Regeneration und Prävention behandelt werden, um Burnout zu vermeiden.
Burnout ist ein also multidimensionales Phänomen, das wissenschaftlich fundiert, empirisch belegt und gesellschaftlich relevant ist. Es lässt sich weder ausschließlich pathologisieren noch als individuelles Versagen abtun. Vielmehr ist es ein Indikator für strukturelle und individuelle Belastungen, der sowohl präventiv als auch rehabilitativ adressiert werden muss. Darauf aufbauend sollen nachfolgend psychophysiologische Mechanismen sowie Aspekte der Regeneration und Prävention behandelt werden, um Burnout zu vermeiden.
