Zur Startseite
Zur Startseite

06235 Von der Unfallzahl zur Steuerungsgröße: Leading Indicators nach VDI 4056

Leading Indicators als Paradigmenwechsel im betrieblichen Arbeitsschutz

Wie viele Unfälle hatten wir? Diese Frage bestimmt das Sicherheitsreporting seit Jahrzehnten. Lagging Indicators messen allerdings nur Vergangenes und sagen wenig darüber, wie sicher ein Betrieb morgen arbeitet. Steuerungswirkung entsteht daraus kaum. Seit November 2025 schließt die VDI-Richtlinie 4056 diese Lücke. Sie stellt ein Selbstbewertungssystem mit Reifegradmodell bereit, das proaktive Leading Indicators entlang der fünf Erfolgsfaktoren Führung, Strategie, Organisation, Beschäftigte und Partnerschaften operationalisiert. Der Beitrag ordnet die Evidenzlage ein, grenzt die Richtlinie gegen die DIN ISO 45001 ab und geht das Praxisbeispiel des Anhangs A durch. Dort werden rund 4,4 Mio. Euro SGA-Aufwand sichtbar, von denen vorher nur ein Teil steuerbar war.
Die Grundlage für diesen Fachbeitrag wurde unter Nutzung des KI-Modells Claude (Antrophic) erstellt. Eine umfassende Überarbeitung und Prüfung erfolgte durch den Autor und die Herausgeber.
Hinweis zum Autor: Der Autor ist stellvertretender Vorsitzender des VDI-Richtlinienausschusses 4056 und hat an der Erarbeitung der Richtlinie mitgewirkt. Der vorliegende Beitrag verfolgt eine sachlich-neutrale, einordnende Darstellung. Bewertungen und Autoreneinschätzungen sind als solche gekennzeichnet.
von:

1 Das Dilemma der Unfallzahl

Rückwärtsgewandtes Messen als strukturelles Problem
Wenn Sicherheitsverantwortliche in der Geschäftsführungsrunde berichten, steht meist eine Zahl im Mittelpunkt. Es ist die Unfallhäufigkeit. Ob als LTIF (Lost Time Injury Frequency), als Unfallquote je 1.000 Vollarbeiter oder als absolute Zahl meldepflichtiger Ereignisse: das klassische Sicherheitsreporting bleibt retrospektiv.
Es zählt, was bereits passiert ist.
Offen bleibt damit die eigentliche Managementfrage:Wie sicher sind wir morgen?
Dieses Dilemma ist nicht neu. Seit Jahren wird in der Fachwelt diskutiert, dass traditionelle Unfallkennzahlen zwar politisch anschlussfähig und juristisch belastbar sind, als alleinige Steuerungsgrößen für ein wirksames Präventionsmanagement aber unzureichend bleiben [1]. Reaktive Kennzahlen richten den Blick auf vergangene Ereignisse. Woher eine Verbesserung kommen soll, sagen sie nicht [2].
Seit November 2025 liegt mit der VDI-Richtlinie 4056 „OH&S Leading Indicators” eine normativ abgestützte Antwort für den deutschsprachigen Raum vor. Sie operationalisiert proaktive Führungskennzahlen – sogenannte Leading Indicators – als Selbstbewertungssystem mit Reifegradmodell. Nachfolgend werden die konzeptionellen Grundlagen beider Indikatortypen erklärt, die Richtlinie wird im Überblick vorgestellt und ihr Mehrwert für Unternehmen und Arbeitsschutzdienste eingeordnet.

2 Grundbegriffe: Kennzahlen, Indikatoren, Parameter

Indikator, Parameter, Kennzahl
Bevor der Unterschied zwischen Lagging und Leading Indicators sinnvoll diskutiert werden kann, braucht es eine saubere Begriffsklärung. Ein Indikator ist nach VDI 4056 ein Hinweis, Anzeichen oder Anzeiger. Ein Parameter ist eine Kenngröße oder Messgröße, die den Indikator konkret charakterisiert. Erst wenn Parameter in Zahlenwerte überführt werden, entsteht eine Kennzahl. Diese ist definiert als Maßstab zur quantitativen und qualitativen Bewertung von in Zahlen ausdrückbaren Informationen und Sachverhalten, die in Relation zu setzen sind [3].
Diese Stufung ist kein akademischer Selbstzweck. Sie macht deutlich, dass der bloße Verweis auf einen Bereich, etwa „Führungsverhalten”, noch keine belastbare Steuerungsgröße ergibt. Erst die Operationalisierung über konkrete Parameter und deren Bewertung schaffen die Grundlage für evidenzbasierte Entscheidungen.

2.1 Lagging Indicators – die Spätindikatoren

Spätindikatoren zuverlässig, aber spät
Lagging Indicators heißen im Deutschen treffend Spätindikatoren. Sie sind das klassische Instrument des Sicherheitsreportings und erst mit zeitlicher Verzögerung messbar. Beispiele sind die Zahl von Arbeitsunfällen mit und ohne Ausfalltage, bezogen auf die Zahl der Beschäftigten oder die geleisteten Arbeitsstunden, die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle sowie die Zahl der Beinahe-Unfälle [3].Spätindikatoren gliedert die VDI 4056 in zwei Untergruppen. Zustandskennzahlen beschreiben den aktuellen Stand der Arbeitsbedingungen, etwa den Anteil hochpriorisierter Gefährdungen an der Gesamtzahl identifizierter Gefährdungen. Ereigniskennzahlen erfassen konkrete Schadenseintritte, klassischerweise also Unfälle oder Erkrankungsfälle [3].
Zu den in der Praxis am häufigsten verwendeten Lagging Indicators zählen [2]:
1.
Unfallhäufigkeit (Total Recordable Incident Rate, TRIR)
2.
Ausfallzeitenquote (Lost Time Injury Frequency, LTIF)
3.
Schweregradindex (Severity Rate)
4.
Krankheitsbedingte Fehlzeiten (Absenzquote)
Eine Alternative dazu bildet der Severity-Based Lagging Indicator (SBLI). Statt jedes Ereignis gleich zu zählen, verrechnet er die Schwere der einzelnen Verletzung mit und fasst das Ergebnis in einem Wert zusammen. Weil daher mehr Ereignisse in die Auswertung eingehen und schwere Fälle stärker durchschlagen, schwankt die Kennzahl über die Berichtsperioden weniger stark [4].
Der strukturelle Nachteil aller Spätindikatoren liegt auf der Hand. Ein Unternehmen ohne meldepflichtigen Unfall im Berichtsjahr kann daraus weder auf Unfallfreiheit im Folgejahr schließen noch darauf, dass seine Präventionsmaßnahmen ursächlich für dieses Ergebnis waren. Nullunfälle können statistische Zufälle sein, können auf Underreporting zurückgehen oder sind bei kleinen Betrieben wegen der geringen Fallzahl schlicht nicht interpretierbar [1], [4].

2.2 Leading Indicators – die Frühindikatoren

Frühindikatoren proaktiv und präventiv
Leading Indicators verfolgen einen anderen Ansatz. Gemessen werden Strukturen, Prozesse und Verhaltensweisen, die künftige Sicherheits- und Gesundheitsleistungen beeinflussen, also all das, was der Unfallstatistik zeitlich vorgelagert ist und im Betrieb tatsächlich gestaltet werden kann. Nach VDI 4056 gelten Frühindikatoren als kritische Erfolgs- und Risikofaktoren, die Aussagen über die zukünftige Zielerreichung von Maßnahmen ermöglichen. Als „Befähiger” bezeichnet die Richtlinie sie deshalb, weil sie die Voraussetzungen für die SGA-Leistung schaffen [3]. Typische Leading Indicators in der betrieblichen Praxis sind [3], [2]:
1.
Durchführungsquote geplanter Sicherheitsbegehungen
2.
Abdeckungsgrad und Aktualität der Gefährdungsbeurteilungen
3.
Erfüllungsquote von Unterweisungsplänen
4.
Führungskräftebeteiligung an SGA-Aktivitäten
5.
Reifegrad des Sicherheitsmanagementsystems (z. B. nach DIN ISO 45001)
6.
Meldequote von Beinaheereignissen (als Indikator für Sicherheitskultur)
Bei einer DGUV-Befragung wurden Sicherheitsbegehungen und Unterweisungen am häufigsten als genutzte Leading-Kennzahlen genannt, gefolgt von Gefährdungsbeurteilungen, womit sich das Bild einer Praxis ergibt, die proaktive Messung vor allem an gut zählbaren Einzelaktivitäten festmacht. Reaktive Kennzahlen sind insgesamt stärker verbreitet als proaktive [1]. Darin zeigt sich das eigentliche Problem. Der Präventionswert proaktiver Kennzahlen ist in der Fachwelt weitgehend unbestritten, in der betrieblichen Praxis dominieren trotzdem die Spätindikatoren.

2.3 Warum weder Früh- noch Spätindikatoren allein ausreichen

Kombination:belastbares Steuerungssystem
Aus Sicht des Autors lässt sich die Debatte nicht in ein „Entweder-Oder” überführen. Auch eine ausschließliche Steuerung über Leading Indicators birgt Risiken. Es lassen sich sehr viele Aktivitäten unternehmen, ohne dass diese das Unfallgeschehen positiv beeinflussen [5]. In der Literatur wird diese Kehrseite gelegentlich als „activity trap” diskutiert.Sie entsteht immer dann, wenn Leading-Kennzahlen rein aktivitätsbezogen ausgestaltet sind. Gemessen wird dann etwa die Zahl durchgeführter Sicherheitsbegehungen, ohne dass Feststellungen, abgeleitete Maßnahmen und deren Wirkung mitgeführt werden [1], [5]. Das Resultat sind Berichte, die Aktivität dokumentieren und über Präventionswirkung nichts aussagen.
Loading...