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05267 Psychische Gesundheit im digitalen Wandel

KI und Cybersicherheit im Fokus des Arbeitsschutzes

Der Beitrag widmet sich den psychischen Belastungen, die durch KI-basierte Leistungssteuerung, algorithmische Entscheidungen und erhöhte Cyberanforderungen in der Arbeitswelt entstehen. Die Autorin zeigt anhand arbeitspsychologischer Modelle wie Persönlichkeitsfaktoren zu Erschöpfung und psychosomatischen Beschwerden führen können. Zudem werden die zentralen rechtlichen Rahmenbedingungen dargestellt und mit Blick auf algorithmische Überwachung, Hochrisiko-KI-Systeme und Mitbestimmungsrechte konkretisiert. Abschließend werden erweiterte Anforderungen an die Gefährdungsbeurteilung sowie gestaltende Maßnahmen zu KI, Cybersicherheit und Fehlerkultur beschrieben, die technische, rechtliche und psychosoziale Aspekte integrieren.
von:

1 Einleitung

Künstliche Intelligenz (KI) verändert die Arbeitswelt grundlegend: Algorithmen bewerten Leistung, planen Schichten und treffen Personalentscheidungen – oft ohne dass Beschäftigte nachvollziehen können, nach welchen Regeln das geschieht. Gleichzeitig wächst der Druck, sich gegen Cyberangriffe zu schützen. Beides hat Folgen für die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz – und stellt den Arbeitsschutz vor neue Aufgaben.
Internationale Organisationen wie die World Health Organization (WHO) und die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) weisen seit Jahren darauf hin, dass psychische Erkrankungen im Arbeitskontext zunehmen. Der digitale Wandel verstärkt diesen Trend. [1]

2 Wie digitale Arbeit psychisch belastet

2.1 Anforderungen und Ressourcen: das JD-R-Modell

Leistung ohne Unterstützung problematisch
Das Job-Demand-Resources-Modell (JD-R) erklärt, warum manche Menschen bei der Arbeit erschöpfen und andere nicht. [2] Die Kernaussage lautet: Wer viel leisten muss, aber kaum Unterstützung bekommt, wird krank. Digitale Arbeitsumgebungen erhöhen die Anforderungen auf mehreren Ebenen:
Kognitive Verdichtung: mehr Informationen, weniger Zeit
Multitasking: ständiger Wechsel zwischen Aufgaben und Kanälen
Häufige Unterbrechungen durch Nachrichten, Benachrichtigungen und Anfragen
Transparenz- und Dokumentationsdruck durch digitale Systeme
Fehlen ausreichende Ressourcen – also Handlungsspielraum, Unterstützung durch Kollegen oder Sicherheit im Umgang mit den Systemen –, nimmt das Risiko von Erschöpfung und körperlichen Beschwerden infolge seelischer Belastung (psychosomatische Beschwerden) zu.

2.2 Technostress: wenn Technik krank macht

Technostress bezeichnet die Belastung, die entsteht, wenn Menschen nicht gesund mit digitalen Technologien umgehen können – ein Begriff, den der Psychologe Craig Brod bereits 1984 prägte. Nach Tarafdar et al. (2007) gibt es fünf typische Stressquellen im Umgang mit Technik:
Abb. 1: Fünf typische Stressquellen im Umgang mit Technik
Techno-Strain
Diese fünf Stressquellen lassen sich direkt auf den Einzug von KI in den Arbeitsalltag übertragen: Neue KI-Tools kommen schnell, sind komplex und verändern Aufgaben und Rollen – oft schneller, als Beschäftigte mithalten können. Die Folgen von Technostress – auch Techno-Strain genannt – sind vielfältig: Sie reichen von Herz-Kreislauf-Beschwerden und Magenproblemen über Burnout und Erschöpfung bis hin zu nachlassender Arbeitsleistung.

2.2.1 Wie Stress entsteht: das Transaktionale Modell

Bewertung ist relevant
Warum empfinden manche Menschen eine neue Software als Bedrohung, andere als Chance? Das Transaktionale Stressmodell von Lazarus und Folkman (1984) liefert eine Antwort: Entscheidend ist nicht die Situation selbst, sondern wie wir sie bewerten.
Das Modell beschreibt zwei Bewertungsschritte: Zunächst fragen wir uns, ob eine Situation bedrohlich ist. Dann schätzen wir ein, ob wir damit umgehen können. Stress entsteht, wenn wir die Anforderung als zu groß und unsere eigenen Möglichkeiten als zu gering einschätzen.
Ein Beispiel:
Ein Unternehmen führt eine neue KI-gestützte Projektmanagementsoftware ein. Mitarbeiter Becker denkt sofort: „Wenn ich das nicht schnell lerne, wirke ich inkompetent.” Er schätzt die Situation als Bedrohung ein – und seine Ressourcen (Zeit, Schulung, Unterstützung) als unzureichend.
Technostress entsteht: Frustration, Selbstzweifel, Kopfschmerzen. Sein Kollege König hingegen sieht dieselbe Software als willkommene Abwechslung – er bewertet seine Fähigkeiten als ausreichend und bleibt entspannt.
Das Beispiel zeigt: Gleiche Technik, unterschiedliche Wahrnehmung – und damit sehr unterschiedliche Gesundheitsfolgen.

2.2.2 Persönlichkeit und Technostress

Nicht jeder Mensch reagiert gleich auf digitalen Stress. Persönlichkeitsmerkmale spielen dabei eine wichtige Rolle. Das weit verbreitete Big-Five-Modell unterscheidet fünf Persönlichkeitsdimensionen: Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Studien zeigen: Wer zu Neurotizismus neigt, ist anfälliger für Technostress. Wer offen für neue Erfahrungen ist, kommt besser damit zurecht. [3]
Locus of Control
Auch die sogenannte Kontrollüberzeugung („Locus of Control”) ist relevant: Wer glaubt, Ereignisse selbst beeinflussen zu können (interner Locus of Control), geht gelassener mit technischen Anforderungen um als jemand, der äußeren Umständen ausgeliefert scheint.
Darüber hinaus spielen technologiespezifische Eigenschaften eine Rolle: die Bereitschaft, neue Systeme auszuprobieren (IT-Innovativeness), das Vertrauen in die eigene Technik-Kompetenz (Computer Self-Efficacy) sowie IT-Achtsamkeit – die Fähigkeit, beim Umgang mit Technik präsent und aufmerksam zu bleiben.

3 Rechtlicher Rahmen: Was Arbeitgeber verpflichtet

3.1 Schutzpflicht nach dem Arbeitsschutzgesetz

Das Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) verpflichtet Arbeitgeber, Gefährdungen am Arbeitsplatz systematisch zu erfassen und zu beseitigen. Das gilt ausdrücklich auch für psychische Belastungen (§ 5 Abs. 6 ArbSchG). Arbeit ist so zu gestalten, dass weder körperliche noch seelische Gesundheit gefährdet wird (§ 4 ArbSchG). Im digitalen Kontext entstehen Gefährdungen vor allem durch:
KI-gestützte Leistungsüberwachung
automatisierte Personalentscheidungen
permanente Erreichbarkeit
individualisierte Verantwortung für Cybersicherheit
Abb. 2: Gefährdungen im digitalen Kontext

3.1.1 KI-Überwachung und automatisierte Entscheidungen

Viele Unternehmen setzen heute KI-basierte Personalmanagementsysteme ein, die in Echtzeit Daten über Beschäftigte erfassen: Arbeitszeiten, Pausenverhalten, Arbeitsgeschwindigkeit, digitale Aktivität. Diese Daten fließen in Modelle ein, die (teil)automatisierte Entscheidungen treffen oder Hinweise für Führungskräfte aufbereiten.
Studien belegen: Algorithmische Überwachung belastet stärker als menschliche Überwachung. Beschäftigte entwickeln Widerstandsverhalten („resistance behaviors”), verlieren das Gefühl von Selbstbestimmung und müssen mentale Energie aufwenden, um nach außen hin den „richtigen” Eindruck zu erwecken – was Produktivität und Wohlbefinden mindert. [4]
Black Box
Neben der Überwachung während der Arbeit betrifft KI auch Personalentscheidungen: Algorithmen sortieren Bewerbungen, erstellen Leistungsrankings und können Beförderungs- oder Entlassungsentscheidungen vorbereiten. Weil die Logik dieser Systeme häufig nicht nachvollziehbar ist („Black Box”), untergräbt das das Gefühl von Fairness, Selbstwirksamkeit und Kontrolle. Die Gefährdungsbeurteilung muss daher algorithmische Entscheidungslogiken und deren Auswirkungen auf Autonomie und Kontrollwahrnehmung der Beschäftigten einbeziehen.

3.1.2 Entgrenzung von Arbeit und permanente Erreichbarkeit

Digitale Technologien machen Arbeitsanforderungen jederzeit und überall empfangbar. Das ermöglicht Flexibilität – aber es löst auch die Grenze zwischen Arbeitszeit und Freizeit auf. Diesen Prozess nennt die Arbeitssoziologie „Entgrenzung von Arbeit”.
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